Getrieben und entspannt

Blick auf das CL-Finale von Hans Zaremba

Wenn sich am Samstag nach Pfingsten in London die Bundesligisten aus Dortmund und München im ersten Endspiel zweier deutscher Mannschaften um die Champions League (CL) treffen, ist dieses Ereignis für einige Kicker-Freunde bereits der Beginn einer deutschen Dominanz im europäischen Fußball. Doch für solche Spekulationen ist es wohl noch zu früh, auch wenn Borussia Dortmund mit Real Madrid und der FC Bayern München mit dem FC Barcelona jeweils die starken spanischen Mitbewerber im Halbfinale der europäischen Königsklasse besiegt haben.

Rückblick auf das DFB-Pokalendspiel im Mai 2012:Auch vor Jahresfrist standen sich Borussia Dortmund und Bayern München gegenüber, was dieses Foto aus dem Bilderarchiv von Hans Zaremba über einen Stand mit Fanartikel in Berlin demonstriert. Genauso war es vier Jahre zuvor im DFB-Cupfinale. Die Bilanz der bisherigen Endspiele ist ein Unentschieden. 2008 gewann der FCB mit 2:0 und 2012 der BVB mit 5:2.

Vorzeigemodell

Zweifellos ist der deutsche Fußball zum Vorzeigemodell für andere Länder geworden. Dafür stehen seine komfortablen Stadien, in denen die Besucher für relativ wenig Geld recht ordentliche Spiele sehen. Ebenso zeichnet den Fußball hierzulande ein vernünftiges Wirtschaften aus, was in Anbetracht der von der Europäischen Fußball-Union (Uefa) angestrebten Financial Fair Play womöglich fortan zum entscheidenden Faktor werden könnte. Die Bundesliga hat von der Weltmeisterschaft 2006 als Fortschrittmacher profitiert und konnte ihren Rückstand auf die englische Premier League und die spanische Primera Division wettmachen. Eine dauernde Überlegenheit ist aber aus diesem Prozess nicht abzuleiten, was auch die ehemaligen Profis Lars Ricken (BVB) und Paul Breitner (FCB) in Interviews gleichartig formulierten. Wer den Weg von Hannover, Leverkusen, Mönchengladbach und Stuttgart in der untergeordneten Europa League betrachtet, wird feststellen, dass nicht die Bundesliga, sondern mit Borussia Dortmund und Bayern München lediglich zwei Mannschaften aus der Bundesliga auf europäischer Bühne für Furore gesorgt haben. Nun begegnen sich in Wembley mit dem BVB und dem FCB jene Teams, die in den letzten drei Jahren den nationalen Fußball angeführt haben. Durch die Triumphe der Dortmunder in 2011 (Meister) und 2012 (Doublesieger) waren die Münchener geradezu angekratzt, was im Herbst die Worte von Bayernboss Uli Hoeneß (“Dortmund ist eine relativ regionale Sache. Bayern ist ein Global Player”) fühlbar belegten. Auch die strategischen Entscheidungen an der Säbener Straße (Installierung des einstigen Dortmunder Spielers und Trainers Mathias Sammer als FCB-Sportvorstand, Abwerbung des BVB-Juwels Marco Götze und die Bestrebungen, auch den Goalgetter der Borussen, Robert Lewandowski, an die Isar zu locken) zeigen auf, wie getroffen die Seele der Bayern von der Vorherrschaft der Dortmunder war. Dies enthüllt auch, wohin der BVB den FCB getrieben hat.

Erinnerungen

Während in München nach der gewonnenen Meisterschaft alle und speziell der durch seine Steueraffäre angeschlagene Präsident auf das Triple (Nationaler Titel, Sieg in der Champions League und Gewinn des DFB-Pokals) fixiert sind, kann sich Dortmund wesentlich entspannter auf London vorbereiten. Es ist für die schwarzgelbe Equipe von Vorteil, nicht als Favorit in die britische Metropole zu reisen. Auch zum Beginn der europäischen Königsklasse 2012/13 hatte kaum einer vermutet, dass der BVB die Gruppenphase mit Real Madrid, Manchester City und Ajax Amsterdam erfolgreich beenden werde. Das Resultat ist bekannt: Borussia Dortmund bestand diese Herausforderung ohne Niederlage und kam ins Finale um die europäische Fußballkrone. So überrascht auch nicht die Einschätzung ihres Trainers Jürgen Klopp: “Wir sind ein unangenehmer Gegner für jede Mannschaft auf diesem Planeten. Der Unterschied zwischen Bayern und uns ist nicht so groß, dass ich uns nicht zutrauen würde, im Endspiel den entscheidenden Tick besser zu sein.” Vielen Anhänger des Fußballs, auch beim Bayern-Fanclub Lipperose und den optimistischen BVB-Freunden, wird nicht entgangen sein, dass die hochgelobten Bayern in den letzten drei Jahren zweimal den Endkampf um die Champions League (2010 und 2012) und das deutsche Pokalfinale (2012 gegen Dortmund mit 2:5) verloren haben.