Märchen aus 1909 Nächten

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Text von Boris Rupert (Dortmund) und Fotos von Hans Zaremba (Lippstadt)

Borussia Dortmund steht heute Abend zum achten Mal in einem europäischen Halbfinale. Als Deutscher Meister fordert der BVB Spaniens Champion Real Madrid heraus. Heute vor 1909 Tagen wäre an ein solches Märchen nicht im Traum zu denken gewesen.

Erwarten vom BVB einen Sieg:Drei von 120 Lippstädter OPTIMISTEN, die sich am Tag vor dem denkwürdigen Spiel gegen Malaga vor dem Dortmunder Fußballtempel eingefunden haben. Von links nach rechts Theo Zaremba, der heute in Wadersloh am Fernseher das Spiel sieht, Heinz Hilgers, der wie vor zwei Wochen im Stadion dabei sein wird, und Roland Jathe, der am Abend des Halbfinales in seinem Lokal viele Gäste und der WDR erwartet.

Entwicklung eines Fußballtraums

2. Februar 2008. Ein Rückblick. An diesem nasskalten Winternachmittag spielt der BVB in Duisburg. Und müht sich nach 0:2- und 1:3-Rückstand zu einem 3:3-Unentschieden. Borussia Dortmund ist nach diesem Spieltag Tabellenzwölfter und wird die Saison im Niemandsland auf Rang 13 abschließen – mit neun Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsrang, aber auch satten 14 Zählern Rückstand auf einen Startplatz im Europapokal.

An diesem 2. Februar 2008 – heute vor 1909 Tagen – passiert aber noch etwas: Weltmeisterin Simone Laudehr lost den Schwarzgelben fürs Viertelfinale im DFB-Pokal die TSG Hoffenheim zu. Samt Heimrecht. Und weil es Glücksgöttin Fortuna auch fürs Halbfinale besonders gut meint, folgen ein weiteres Heimspiel und ein weiterer Zweitligist, der FC Carl Zeiss Jena.

Mit dem Endspiel gegen Bayern München, in dem Borussia Dortmund mit 1:2 in der Verlängerung unterliegt, beginnt die Zukunft von Schwarzgelb. Berlin 2008 ist der erste sportliche Achtungserfolg nach sechs Jahren Dürre. Und der Auftakt zu einem Fußballmärchen. Wenige Wochen später kommt Jürgen Klopp, und Borussia Dortmund erwacht aus dem Dornröschenschlaf.

Verfolgt den BVB aus der Türkei:Am Samstag gegen Mainz noch auf der Südtribüne, seit dem Wochenbeginn in seinem türkischen Urlaubsdomizil. Auch dort wird der Lippstädter Chefoptimist Bernhard Scholl über das Fernsehen seine Dortmunder beobachten.

Die fußballerische Rückkehr nach Europa

‚Wir sind zurück in der Beletage des europäischen Fußballs‘
Mit der höchsten Punktzahl aller Zeiten, die nicht zur Teilnahme an einem europäischen Vereinspokal berechtigt (59), wird der BVB im Jahr eins unter Klopp unglücklicher Sechster – auch, weil das Schiedsrichtergespann in der Partie Eintracht Frankfurt gegen Hamburger SV beim entscheidenden Tor die im Abseits stehenden HSV-Spieler ‚mit der Frankfurter Viererkette verwechselt‘, so Hans-Joachim Watzke. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Ähnliches vier Jahre später passieren wird, wenn der BVB im Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Malaga spielt. ‚Lange‘, wird Jürgen Klopp dann sagen, ‚haben wir darauf warten müssen, dass sich so etwas ausgleicht.‘

Doch zurück ins erste Jahr unter dem neuen Trainer, dessen Ankündigungen (‚Unser Fußball muss einen Wiedererkennungswert haben‘, ‚Rasenschach hat keine meiner Mannschaften gespielt‘, ‚moderner Fußball besteht darin, ballorientiert zu verteidigen, Pressing mit schnellen Leuten zu betreiben, den Gegner ständig unter Druck zu setzen und blitzschnell umzuschalten‘) schnell mit Leben erfüllt werden. Gleichwohl zahlt die junge Mannschaft Lehrgeld, beispielsweise im UEFA-Cup gegen Udinese Calcio (Aus nach Elfmeterschießen) oder auch in den Jahren darauf in der UEFA Europa League (Vorrunden-Aus auf Platz drei) und dann in der UEFA Champions League (Vorrunden-Aus auf Platz vier).

Über Borussia Dortmund, das die Liga und die Herzen der Fans im Sturm erobert, 2011 mit der jüngsten Mannschaft aller Zeiten zur Deutschen Meisterschaft stürmt und im Jahr darauf mit der bis dato höchsten Punktzahl aller Zeiten den Titel verteidigt und erstmals in der Vereinsgeschichte das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal (5:2 im Finale gegen Bayern München) gewinnt, wird geschrieben, dass es ‚Europa nicht kann‘.

Die Kritik ist Ansporn zugleich. In der bestbesetzten Champions-League-Vorrundengruppe aller Zeiten mit den amtierenden Landesmeistern aus Spanien (Real Madrid), England (Manchester City) und Holland (Ajax Amsterdam) setzt sich Borussia Dortmund unangefochten durch, eliminiert im Achtelfinale den Mitfavoriten auf den Titel, das millionenschwere Shakhtar Donetsk, und im Viertelfinale das Überraschungsteam FC Malaga.

Ideenreichtum und Arbeit:Pfiffig sind die Fans von der Südtribüne schon immer gewesen. Auch für das CL-Spiel des BVB gegen Malaga am 9. April 2013 hatten sie wieder ein tolle Choerographie entworfen.

Die magische Nacht von Dortmund

Diese magische Nacht. Dieser 9. April 2013. Nach einem 0:0 im Hinspiel mit deutlichen Vorteilen für den BVB und einer Masse ausgelassener Torchancen muss Borussia das Rückspiel gewinnen. Und hat angesichts der hohen Erwartungen schwere Beine. Das 0:1 durch Joaquin ist zwar der erste Torschuss der Andalusier, aber ganz so überraschend kommt der Gegentreffer nicht. Und als Eliseu im Abseits stehend das 1:1 durch Lewandowski kontert, ist nach 82 Minuten eigentlich alles klar: Dortmund raus, Malaga weiter.

Fußball-Wunder sind selten an der Strobelallee. Aber wenn sie doch passieren, dann mit Donnerhall. Lars Rickens 3:1 gegen Deportivo La Coruna am Nikolaustag 1994 kehrt ins Gedächtnis der Zuschauer zurück, als Marco Reus in der Nachspielzeit zum 2:2 ausgleicht. Aber immer noch fehlt ein Tor zum Weiterkommen. Nach 0:0 im Hinspiel und jetzt 2:2 spricht die Auswärtstor-Arithmetik für die Andalusier.

Stadionsprecher Dickel peitscht ein: ‚Und weiter Jungs, und weiter Jungs!‘ Hören wir rein, was Danny Fritz im BVB-Netradio sagt, und beginnen wir bei einem Einwurf von Marcel Schmelzer auf Robert Lewandowski: ‚Lewandowski jetzt mit
Das Weiterkommen in letzter Sekunde: Borussia wirft Malaga raus.
der Flanke in die Mitte. Die kommt nicht schlecht. Schieber, Reus – Reus in die Mitte, nun mach ihn rein. TOR, TOR, TOR, TOR, TOR, TOR, TOR, TOOOOOOR, TOOOOOOOOR, TOOOOOOOR!‘ Felipe Santana mit dem Siegtreffer zum 3:2 nach 91:54 Minuten.

Hans-Joachim Watzke mag es kaum glauben: ‚Ich habe zunächst ganz lange auf den Linienrichter geschaut, weil ich in Sorge war, dass er die Fahne noch hebt. Als das nicht passiert ist, lagen mir meine Sitznachbarn auf der Tribüne schon in den Armen. Sie hatten völlig die Contenance verloren. Ich weiß nicht mehr, was ich genau gemacht habe.‘

Ein Märchen aus 1909 Nächten beschert Borussia Dortmund heute das Halbfinal-Hinspiel gegen Real Madrid. Egal, wie diese Paarung ausgeht, sicher ist schon jetzt: ‚Wir sind zurück in der Beletage des europäischen Fußballs. Für die Bekanntheit und Popularität war der Sieg gegen Malaga, vor allem mit dieser Dramatik, von enormer Bedeutung‘, sagt Watzke: ‚Der BVB ist dadurch ein riesiges Thema geworden, nicht nur in Europa, sondern auch in Asien. Das ist für das, was wir in den kommenden Jahren planen, sehr wichtig.‘

Aber erst einmal sind die Blicke auf Wembley gerichtet. Den mystischen Ort des Finales 2013.